Frankfurter Rundschau 2002
Erscheinungsdatum: 26.03.2002

Nomade zu sein ist schwer

In der Mongolei überlebten viele Tiere den Winter nicht, weil den neuen Viehzüchtern oft die notwendigen Kenntnisse fehlen.

Von Astrid Thomsen

1,2 Millionen verendete Tiere ist die Bilanz dieses Winters in der Republik Mongolei. Aber nicht nur Kälte und Trockenheit machen Tieren und Besitzern das Leben schwer. Eine funktionierende Alternative zur Planwirtschaft ist in weiter Ferne.

Zu Beginn der Marktwirtschaft war die Rückkehr aufs Land für viele Mongolen eine Möglichkeit, der Arbeitslosigkeit zu entkommen. 1990 wurden die staatlichen Betriebe privatisiert und viele Arbeitsplätze fielen weg. Mit der Auflösung der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften mussten 20 Millionen Tiere an Privatpersonen verteilt werden. Auch die, die vorher nichts mit den Tieren zu tun hatten - Ärzte, Lehrer, Sekretärinnen und Fahrer -, bekamen Tiere zugeteilt. Zu den Tierhaltern aus sozialistischen Zeiten kamen viele neue Nomaden. Mit ihren Familien verließen sie die Siedlungen und knüpften an die Lebensweise ihrer Vorfahren an. Sie zogen mit Jurten und Tieren in die Wüsten und Steppen, immer auf der Suche nach Futter und Wasser.

In ihrer Lebensweise unterscheiden sich die neuen nicht von den alten Tierhaltern. Der Familienverband ist gewöhnlich mit ein bis drei Jurten unterwegs. Die Frauen sind für Herdfeuer, Haushalt und Melken zuständig, die Männer für das Schlachten und das Hüten der Herde. Diese Aufteilung ist nicht zwingend, ein Rollentausch kann jederzeit stattfinden. Die Kinder sind in die Arbeit eingebunden, häufig gehen sie im Winter in Internate.

Innerhalb einiger Jahre stieg die Zahl der Tiere von 25 Millionen auf 32 Millionen. Besonders in Stadtnähe sind die Weidegebiete stark geschädigt. Obwohl hier höhere Steuern zu entrichten sind, suchen viele Nomaden die Stadtnähe, weil so noch am ehesten die Chance besteht, die Produkte zu verkaufen. Auch die Herdenzusammensetzung änderte sich. Während früher nur eine Tierart pro Herde gehalten wurde, gibt es jetzt gemischte Herden: Pferde, Schafe, Ziegen, Kamele und Rinder. Bei den Rindern handelt es sich häufig um Yaks oder Kreuzungen aus Yak und Rind. Diese Tiere sind an Hochgebirgslagen mit extrem kalter Witterung angepasst. Yaks liefern Milch, Fleisch, Leder und sind als Zugtiere einsetzbar. Sie können Wochen und Monate von Schnee und am Halm gefriergetrocknetem Gras überleben. Wenn allerdings die Schneehöhe einen halben Meter oder mehr beträgt, geraten auch sie in Schwierigkeiten.

Die größten Zunahmen der Tierzahlen gab es bei den Ziegen. Ihre Zahl ist um fünf Millionen Tiere gestiegen. Der Nachteil von Ziegen ist, dass sie Pflanzen bis auf die Wurzeln abfressen, was zur Schädigung der Weideflächen führt. Die Ziegen liefern die kostbare Kaschmirwolle, die heute 13 Prozent des mongolischen Exports ausmacht. Einige Tierhalter kamen durch Kaschmirziegen zu Reichtum und sind gesellschaftlich hoch angesehen. Ziegen vertragen besonders gut die Trockenheit, die durch den Klimawandel zu einem immer größeren Problem in der Mongolei wird. Hinzu kommt, dass die Brunnen nicht mehr gepflegt werden. Von maschinell betriebenen Pumpen funktioniert nur noch die Hälfte.

Zu sozialistischen Zeiten war die Tierhaltung in ein durchdachtes System eingebettet. Auch damals kam es bei ungünstiger Witterung zu Tierverlusten, aber es wurde viel unternommen, diesem Problem vorzubeugen. Die tierärztliche Versorgung einschließlich der Impfungen war kostenlos. Im Sommer wurden Futtervorräte angelegt und bei Kälteeinbrüchen zu den Herden gebracht. Da es die staatlichen Futterbaubetriebe nicht mehr gibt, wird heute viel weniger Futter angebaut.

Die wirtschaftliche Schwäche des russischen Nachbarn hat großen Einfluss auf die Lage der Nomaden. Vorbei sind die Zeiten, als sowjetische Hubschrauber Heu und Nahrungsmittel über den Kältegebieten abwarfen und bei Bedarf der Nachschub von neuen Tieren organisiert wurde. Die Sowjetunion war mit einem Anteil von 80 Prozent der größte Außenhandelspartner der Mongolei. Heute sind es zwölf Prozent. Viele Tierhalter können ihre Produkte nicht mehr verkaufen und schlachten die Tiere für den Eigenbedarf.

Es sind besonders die neuen Tierhalter, die mit der Situation schlecht zurechtkommen. Sie haben in der kurzen Zeit ihrer neuen Lebensweise noch nicht genug Wissen gesammelt, um flexibel auf Schwierigkeiten reagieren zu können. Der Sinn von Impfungen ist häufig unbekannt, allerdings ist dafür auch oft kein Geld vorhanden. Erfahrene Nomaden wandern häufiger zu neuen Weidegründen, benötigen weniger Personen für die Betreuung der Herde und kennen sich mit Krankheiten besser aus. Das gesellschaftliche Ansehen der Nomaden ist hoch, jedes Jahr werden die besten prämiert. Aber viele der neuen Tierhalter sind entmutigt und halten nur noch durch, weil ihnen eine andere Lebensperspektive fehlt. Inzwischen ist durch die hohen Verluste der letzten sehr kalten und schneereichen Winter der Tierbestand auf den Stand von 1990 gesunken.

Aus aller Welt kommen Hilfsangebote, allein in Ulan-Bator gibt es 1000 verschiedene Hilfsorganisationen. Häufig widersprechen sich diese Hilfsangebote jedoch. Während auf der einen Seite, auch von der Regierung, günstige Kredite vergeben werden, um einen Tiernachkauf zu ermöglichen, warnen andere davor. Es wird versucht, den Tierhaltern einen Ausstieg aus ihrer Tätigkeit zu ermöglichen. Zum Beispiel mit dem Aufbau einer weiterverarbeitenden Industrie der tierischen Produkte, die neue Arbeitsplätze schaffen könnte. Tierhalter hätten dann durch den Verkauf ihrer Waren ein sicheres Einkommen und Geld, die Tierärzte zu bezahlen. Dies würde dem am Boden liegenden Veterinärdienst auf die Beine helfen.