Karakorum - ein Weltreich verpackt in Tüten

Ulan Bator (dpa) - «Dieses Reich ist aus der Steppe nicht zu regieren», mag sich Dschingis Khan, Stammesführer, Staatsgründer und Welteroberer gedacht haben, als er befahl, am Fuße des Khangaigebirges eine Stadt zu errichten.

Karakorum war bis zur Verlegung der Hauptstadt nach Peking im Jahre 1264 Anziehungspunkt für Missionare, Händler, Künstler und Handwerker aus aller Welt. Hier empfingen die mongolischen Großkhane die Abgesandten der von ihnen unterworfenen Völker und feierten rauschende Feste.

Heute sind von der einst 30 000 Menschen beherbergenden Stadt mit ihrem prächtigen Palast nur noch eine steinerne Schildkröte und Grashügel zu sehen. Trotzdem hat Karakorum nichts von seiner Anziehungskraft auf Touristen und schon gar nicht auf Archäologen, Historiker, Kunst- und Religionswissenschaftler verloren.

In einer dritten Grabungskampagne waren von Anfang Juli bis Mitte September 30 Archäologen, Keramiker, Botaniker, Fotografen und Physiker, Studenten und Professoren, darunter Mongolen und Deutsche, den Geheimnissen der im Steppenboden versunkenen Stadt auf der Spur. Quartier bezogen hatten sie in «Bayan Burd», einem nicht der Luxusklasse zuzurechnenden Hotel im Kreisstädtchen Khar Khorin.

Bayan Burd bedeutet «Oase», und für die Expeditionsteilnehmer stimmte der Begriff: Nach einem anstrengenden Arbeitstag mit morgendlicher Kälte, anschließender glühender Hitze, Staubstürmen und extremer Trockenheit haben sie das spärlich tröpfelnde Wasser, einen heißen Milchtee und die obligatorische Nudelsuppe genossen. Prächtige Sonnenaufgänge und -untergänge und eine Steppe, die den Geruch nach Thymian, Wermut, Beifuß und wilden Zwiebeln verströmt, entschädigen für das Fehlen mancher Annehmlichkeit der Zivilisation.

Unter der Leitung von Professor Hans-Georg Hüttel vom Deutschen Archäologischen Institut (DAI) hat eine Gruppe im Palastbezirk, eine andere, unter Leitung von Professor Helmut Roth und Dr. Ernst Pohl von der Bonner Universität, im Handwerkerviertel gegraben. Mit Spachteln, Pinseln und manchmal den bloßen Händen förderten die Expeditionsteilnehmer Hunderte von Fingern, Augen, Nasen, Ohren und Zehen zu Tage, die auf eine Höhe der Buddha- oder Bodhisattva-Statuen von zwei bis sieben Meter schließen lassen. Gut erhaltene Kleinplastiken aus Ton, Bodenfliesen, Wandmalereien, Dachziegel und Keramikteile harren ebenfalls der genaueren Untersuchungen in den Labors von Ulan Bator oder Heidelberg.

Nachdem bereits im Jahr 2000 drei Ziegelbrennöfen freigelegt wurden, fanden die Archäologen in diesem Jahr einen vierten Brennofen aus dem 13. oder 14. Jahrhundert, in dem wahrscheinlich Gefäßkeramik gebrannt wurde. Die Öfen werden an Ort und Stelle vermessen und die Lage fast jedes Erdkrümelchens in Zeichnungen festgehalten.

Die Fundbearbeitungs-Jurte beherbergt bis zum Weitertransport nach Ulaanbaatar die kleineren Stücke, sorgsam verpackt in Tüten und Kisten. Daneben steht noch eine Gerätejurte - alles bewacht von Bolor, einem ehemaligen Viehhalter. Mongolei-Touristen, die an Karakorum und dem unweit gelegenen ersten lamaistischen Kloster in der Nordmongolei, «Erdene Zuu», nicht vorbeikommen, schauen den Archäologen und ihren Helfern gern über die Schultern. Nur selten müssen sie ohne Erklärungen von dannen ziehen.

«Mindestens drei buddhistische Perioden sind über dem Palast festzustellen», erläutert Professor Hüttel bisherige Forschungsergebnisse. «Überhaupt erwartet alle Welt palastzeitliches Fundgut, was wir aber bisher fanden, stammt aus der Nachnutzungszeit.» Das heißt, die äußere Lage und Architektur des Palastes ist gut dokumentiert, die Innenausstattung wirft umso mehr Fragen auf: Wie war der Palast gegliedert? Wo befand sich der berühmte Silberbaum tatsächlich? Im nächsten Sommer wird weiter gegraben.