Di, 04.11.03   [home] | [kontakt] | [über uns] | [aboservice] | [anzeigen] | [bücher] | [videos] | [leserreisen] | [nd-shop]  
aktuell
 Politik.......................
 Wirtschaft/Soziales.
 Feuilleton..............
 Berlin/Brandenburg
 Sport
 Meinung...............
Sonderseite
 Fotogalerie
wöchentlich
 Umwelt  Nord/Süd
 Medien  Debatte
 Termine  Ratgeber
 Kolumne  Reise
am Wochenende
 Leben  Essay....
 Historie  Wissen....
 Bildung  Forum....
monatlich
 Gesund leben.......
  archiv ab Mai/01
 Volltextsuche........
  tagesausgabe vom
im Format: 'tt.mm.jj'
 Impressum...........
  Politik

Druckausgabe des Artikels    Versand eines Artikel-Links    Leserbrief zum Artikel-Thema

Da war Gold in ihren Händen
DDR-Schatzsucher erkundeten Mongolei – Früchte ernten heute andere 
 
Von Hendrik Lasch 
 
Gold, Kupfer, Zink: Die Reichtümer der Mongolei liegen im Boden. 60 Prozent der Exporte kommen aus dem Bergbau. Dass Konzerne heute so erfolgreich graben, ist auch DDR-Experten zu danken: Sie wiesen den Weg zum Erz.
Dass Schatzsuche auch 1968 noch ein Abenteuer war, begann Eberhard Günther auf dem Moskauer Flughafen zu ahnen. Der junge Arzt hatte nach seinem Examen bei einer Expedition von DDR-Geologen in die Mongolei angeheuert. Bei der Zwischenlandung bekam er von sowjetischen Medizinern einen Karton überreicht. Der Inhalt: Pest-Lebend-Impfstoff. Dass die gefährliche Seuche im Fernen Osten noch auftrat, sollte Günther im gleichen Sommer erfahren. Eines Tages standen Posten vor dem Camp: Quarantäne. Kurz darauf zeigte ein Student auffällige Symptome: Pestverdacht!
Die Pestepisode ist eine der aufregendsten Anekdoten in einer Geschichte, die auch in ihrer alltäglichen Form exotisch genug anmutet. Seit Mitte der 60er Jahre suchten DDR-Fachleute im mongolischen Hochland und in den Randgebieten der Wüste Gobi nach Gold. Fotos zeigen bärtige Männer, die einer Jack-London-Verfilmung entstammen könnten, zwischen Jurten, Holzbaracken und Kamelen. Im Hintergrund strecken sich schier endlose Sand- und Schotterflächen. Die Mongolei, ein Land von der 15fachen Größe der DDR, war »voller weißer Flecken«, sagt Eberhard Hage.
Hage und der zeitweilig von ihm geleitete Trupp aus 60 Fachleuten, darunter Mineralogen, Vermesser, Chemiker und Bergleute, sollte diese weißen Flecke erkunden. Die Expedition war Teil eines ganzen Pakets von Hilfsmaßnahmen, mit dem der Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) die Mongolei bei der Umwandlung in ein Industrie-Agrar-Land unterstützen wollte. Die Entwicklungshilfe hatte auch machtpolitische Gründe: Die Sowjetunion und ihre Verbündeten reagierten auf chinesische Ansprüche in der Region. Ein Fleischkombinat und eine Teppichfabrik wurden gebaut, die Oper von Ulan-Bator restauriert, ein Landwirtschafts-Musterbetrieb eingerichtet – und Rohstoffe gesucht.
Die Chancen, fündig zu werden, waren enorm. Auf 6000 beziffert die heutige mongolische Regierung die Zahl der Lagerstätten: Gold, Kupfer und Kohle gibt es in dem asiatischen Land ebenso in reichhaltigen Vorkommen wie Phosphor, Eisen, Wolfram und Zink. Das Gold, sagt der Dresdner Bergbau-Experte Joachim Stübner, lagert sowohl in Erzadern, in denen die Konzentration teilweise zehnmal so hoch ist wie in südafrikanischen Lagerstätten, als auch in Verwitterungsschutt nahe der Erdoberfläche als so genannte Goldseife. In den 1960er Jahren war davon indes nur wenig bekannt. Sozialistische Hilfe sollte das ändern – und zwar in Arbeitsteilung: Bulgarische Geologen suchten Steine und Erden, Tschechoslowaken gruben nach Kupfer, die DDR-Fachleute nach Gold.
Wenn die einstigen Expeditionsteilnehmer jetzt zusammensitzen – in Dresden fand kürzlich das 13. Treffen seit 1968 statt –, dann werden Erinnerungen an Fußballturniere mit mongolischen und sowjetischen Mannschaften ebenso ausgetauscht wie Anekdoten über die schwierige Versorgung: Außer Kartoffeln und Tee wurden sämtliche Nahrungsmittel per Bahn aus der DDR herbeigeschafft. Bier gab es anderthalb Kasten pro Monat – nicht eben üppig für junge Männer, die wochenlang Hunderte Kilometer vom Lager entfernt in staubiger Erde gruben.
Als weniger außergewöhnlich stellen die Experten ihre offenkundig äußerst erfolgreiche Arbeit dar. Die Mitarbeiter des Betriebes Geologische Forschung und Erkundung Halle, die von Fachleuten der Betriebe für Geophysik und für Erzprojektierung Leipzig sowie Nordhäuser Schachtbauern unterstützt wurden, kartierten, sondierten und täuften Erkundungsschächte. Entstanden sind detailliertes Kartenmaterial und umfangreiche Berichte. Spätestens Mitte der 80er Jahre hätten der Abbau und die Verarbeitung des Erzes beginnen können; ein Vertrag stand kurz vor der Unterzeichnung.
Daraus geworden ist nichts. Zunächst scheiterte die kommerzielle Nutzung an der schwierigen Arbeitskräftesituation und ungeklärten Finanzierungsfragen, sagt Joachim Stübner, damals Organisationschef der Expedition: »Wir hätten 600 Fachleute mitbringen und in Vorkasse gehen müssen.« Die Ressourcen dafür fehlten. Schon die Erkundung war weitgehend über Kredite der DDR-Regierung finanziert worden. Die politischen Umbrüche sorgten schließlich endgültig dafür, dass die deutschen Experten ihre Zelte in der Mongolei abbrachen. Genutzt werden die Ergebnisse der Expeditionen heute von anderen. Auf der ersten internationalen Bergbaukonferenz »Discover Mongolia« versammelten sich Ende September dieses Jahres rund 400 Interessenten in Ulan Bator. Sie kamen aus den USA, Kanada, Australien, aus Russland, China, Korea und Polen. Die Mongolei erwirtschaftet schon jetzt 53 Prozent ihrer Industrieproduktion und 60 Prozent ihrer Exporte im Bergbau – und die Zahlen sollen weiter steigen. Eine höhere Veredlung der Rohstoffe im Land wird angestrebt; auch Investitionshindernisse wie hohe Steuersätze sollen beseitigt werden. In der von DDR-Fachleuten erkundeten Region wird der unterirdische Abbau vorbereitet. Dort, sagt Stübner, »ernten Kanadier die Früchte unserer Arbeit«.
Deutsche Firmen sind an der Ausbeutung der Lagerstätten in der Mongolei nicht beteiligt. Selbst von der Nutzung ihrer Arbeitsergebnisse profitieren Spezialisten oder Unternehmen aus der damaligen DDR nicht: »Wir haben keinerlei Rechte an der Verwertung der Unterlagen«, sagt Stübner, und ein wenig Enttäuschung schwingt in der nüchternen Feststellung mit.
Den DDR-Goldsuchern bleibt daher nur, einen weiteren Bericht zu erarbeiten. Die Geologen und Bergleute erkunden jetzt ihre Erinnerungen; die dort sondierten Schätze sollen binnen zwei Jahren zu einer umfangreichen Chronik der Mongolei-Expeditionen aufgearbeitet werden. Nachzulesen sein soll dort auch der vergleichsweise harmlose Ausgang der Pest-Episode. Nach einer in Sorge durchwachten Nacht konnte Expeditionsarzt Günther erleichternde Symptome feststellen. Die Pest war es nicht. Der Student hatte sich an vier Dosen gezuckerter Kondensmilch den Magen verdorben.

(ND 17.10.03)

top
© ND GmbH 2003 - Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Die Nachrichten sind nur für die persönliche Information bestimmt. Jede weitergehende Verwendung, insbesondere die Speicherung in Datenbanken, Veröffentlichung, Vervielfältigung und jede Form von gewerblicher Nutzung sowie die Weitergabe an Dritte - auch in Teilen oder in überarbeiteter Form - ohne Zustimmung der Neues Deutschland Druckerei und Verlag GmbH sind untersagt.
Kontakt zur Redaktion redaktion@nd-online.de,  ND-Online wird produziert mit: ONE2Publish