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Da war Gold in ihren Händen
DDR-Schatzsucher erkundeten Mongolei – Früchte ernten heute andere
Von Hendrik Lasch
Gold, Kupfer, Zink: Die Reichtümer der Mongolei liegen im Boden. 60
Prozent der Exporte kommen aus dem Bergbau. Dass Konzerne heute so
erfolgreich graben, ist auch DDR-Experten zu danken: Sie wiesen den Weg
zum Erz. Dass
Schatzsuche auch 1968 noch ein Abenteuer war, begann Eberhard Günther
auf dem Moskauer Flughafen zu ahnen. Der junge Arzt hatte nach seinem
Examen bei einer Expedition von DDR-Geologen in die Mongolei
angeheuert. Bei der Zwischenlandung bekam er von sowjetischen
Medizinern einen Karton überreicht. Der Inhalt: Pest-Lebend-Impfstoff.
Dass die gefährliche Seuche im Fernen Osten noch auftrat, sollte
Günther im gleichen Sommer erfahren. Eines Tages standen Posten vor dem
Camp: Quarantäne. Kurz darauf zeigte ein Student auffällige Symptome:
Pestverdacht! Die Pestepisode ist eine der aufregendsten Anekdoten
in einer Geschichte, die auch in ihrer alltäglichen Form exotisch genug
anmutet. Seit Mitte der 60er Jahre suchten DDR-Fachleute im
mongolischen Hochland und in den Randgebieten der Wüste Gobi nach Gold.
Fotos zeigen bärtige Männer, die einer Jack-London-Verfilmung
entstammen könnten, zwischen Jurten, Holzbaracken und Kamelen. Im
Hintergrund strecken sich schier endlose Sand- und Schotterflächen. Die
Mongolei, ein Land von der 15fachen Größe der DDR, war »voller weißer
Flecken«, sagt Eberhard Hage. Hage und der zeitweilig von ihm
geleitete Trupp aus 60 Fachleuten, darunter Mineralogen, Vermesser,
Chemiker und Bergleute, sollte diese weißen Flecke erkunden. Die
Expedition war Teil eines ganzen Pakets von Hilfsmaßnahmen, mit dem der
Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) die Mongolei bei der
Umwandlung in ein Industrie-Agrar-Land unterstützen wollte. Die
Entwicklungshilfe hatte auch machtpolitische Gründe: Die Sowjetunion
und ihre Verbündeten reagierten auf chinesische Ansprüche in der
Region. Ein Fleischkombinat und eine Teppichfabrik wurden gebaut, die
Oper von Ulan-Bator restauriert, ein Landwirtschafts-Musterbetrieb
eingerichtet – und Rohstoffe gesucht. Die Chancen, fündig zu
werden, waren enorm. Auf 6000 beziffert die heutige mongolische
Regierung die Zahl der Lagerstätten: Gold, Kupfer und Kohle gibt es in
dem asiatischen Land ebenso in reichhaltigen Vorkommen wie Phosphor,
Eisen, Wolfram und Zink. Das Gold, sagt der Dresdner Bergbau-Experte
Joachim Stübner, lagert sowohl in Erzadern, in denen die Konzentration
teilweise zehnmal so hoch ist wie in südafrikanischen Lagerstätten, als
auch in Verwitterungsschutt nahe der Erdoberfläche als so genannte
Goldseife. In den 1960er Jahren war davon indes nur wenig bekannt.
Sozialistische Hilfe sollte das ändern – und zwar in Arbeitsteilung:
Bulgarische Geologen suchten Steine und Erden, Tschechoslowaken gruben
nach Kupfer, die DDR-Fachleute nach Gold. Wenn die einstigen
Expeditionsteilnehmer jetzt zusammensitzen – in Dresden fand kürzlich
das 13. Treffen seit 1968 statt –, dann werden Erinnerungen an
Fußballturniere mit mongolischen und sowjetischen Mannschaften ebenso
ausgetauscht wie Anekdoten über die schwierige Versorgung: Außer
Kartoffeln und Tee wurden sämtliche Nahrungsmittel per Bahn aus der DDR
herbeigeschafft. Bier gab es anderthalb Kasten pro Monat – nicht eben
üppig für junge Männer, die wochenlang Hunderte Kilometer vom Lager
entfernt in staubiger Erde gruben. Als weniger außergewöhnlich
stellen die Experten ihre offenkundig äußerst erfolgreiche Arbeit dar.
Die Mitarbeiter des Betriebes Geologische Forschung und Erkundung
Halle, die von Fachleuten der Betriebe für Geophysik und für
Erzprojektierung Leipzig sowie Nordhäuser Schachtbauern unterstützt
wurden, kartierten, sondierten und täuften Erkundungsschächte.
Entstanden sind detailliertes Kartenmaterial und umfangreiche Berichte.
Spätestens Mitte der 80er Jahre hätten der Abbau und die Verarbeitung
des Erzes beginnen können; ein Vertrag stand kurz vor der
Unterzeichnung. Daraus geworden ist nichts. Zunächst scheiterte
die kommerzielle Nutzung an der schwierigen Arbeitskräftesituation und
ungeklärten Finanzierungsfragen, sagt Joachim Stübner, damals
Organisationschef der Expedition: »Wir hätten 600 Fachleute mitbringen
und in Vorkasse gehen müssen.« Die Ressourcen dafür fehlten. Schon die
Erkundung war weitgehend über Kredite der DDR-Regierung finanziert
worden. Die politischen Umbrüche sorgten schließlich endgültig dafür,
dass die deutschen Experten ihre Zelte in der Mongolei abbrachen.
Genutzt werden die Ergebnisse der Expeditionen heute von anderen. Auf
der ersten internationalen Bergbaukonferenz »Discover Mongolia«
versammelten sich Ende September dieses Jahres rund 400 Interessenten
in Ulan Bator. Sie kamen aus den USA, Kanada, Australien, aus Russland,
China, Korea und Polen. Die Mongolei erwirtschaftet schon jetzt 53
Prozent ihrer Industrieproduktion und 60 Prozent ihrer Exporte im
Bergbau – und die Zahlen sollen weiter steigen. Eine höhere Veredlung
der Rohstoffe im Land wird angestrebt; auch Investitionshindernisse wie
hohe Steuersätze sollen beseitigt werden. In der von DDR-Fachleuten
erkundeten Region wird der unterirdische Abbau vorbereitet. Dort, sagt
Stübner, »ernten Kanadier die Früchte unserer Arbeit«. Deutsche
Firmen sind an der Ausbeutung der Lagerstätten in der Mongolei nicht
beteiligt. Selbst von der Nutzung ihrer Arbeitsergebnisse profitieren
Spezialisten oder Unternehmen aus der damaligen DDR nicht: »Wir haben
keinerlei Rechte an der Verwertung der Unterlagen«, sagt Stübner, und
ein wenig Enttäuschung schwingt in der nüchternen Feststellung mit. Den
DDR-Goldsuchern bleibt daher nur, einen weiteren Bericht zu erarbeiten.
Die Geologen und Bergleute erkunden jetzt ihre Erinnerungen; die dort
sondierten Schätze sollen binnen zwei Jahren zu einer umfangreichen
Chronik der Mongolei-Expeditionen aufgearbeitet werden. Nachzulesen
sein soll dort auch der vergleichsweise harmlose Ausgang der
Pest-Episode. Nach einer in Sorge durchwachten Nacht konnte
Expeditionsarzt Günther erleichternde Symptome feststellen. Die Pest
war es nicht. Der Student hatte sich an vier Dosen gezuckerter
Kondensmilch den Magen verdorben. (ND 17.10.03)
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